Selektive Wahrnehmung oder auch “Schlagzeilen-Politik”
vonseiche am April 2, 2010In Berlin, mitten im kinderreichsten Kiez am Prenzlauer Berg, direkt am Mauerpark gibt es ein herrliches Lokal namens Café Niesen. Seit ein paar Wochen sorgt dieses Café in den Medien für Schlagzeilen. Warum? Neben ihrem sehr kinderfreundlichen Haupt-Gastraum haben die Besitzer aus einem Separée eine “kinderfreie Zone” gemacht. In dieses Mini-Separée, das nur optisch, nicht aber akustisch vom Hauptraum getrennt ist, kann man sich bei Bedarf zurückziehen, um beispielsweise eine der kostenlos ausliegenden Zeitungen zu lesen. Seit etwa einem Jahr jobbt mein Sohn im Café Niesen. Der Medienrummel macht nicht nur den Besitzern und dem übrigen Personal, sondern auch ihm sehr zu schaffen. Die Emotionen kochen allenthalben hoch. Verstehen kann ich das nicht so recht. Mindestens seit 2005 werben einige Hotels in Österreich und dem Bayerischen Wald damit, dass sie “Kinderfrei” sind, d.h. Kinder unter 12 Jahren nicht erwünscht sind. Aus meinem Arbeitsbereich kenne ich einige, gefühlterweise sehr gute Kinderkliniken, die unter anderem auch ein Zimmer “Nur für Eltern” anbieten, um einmal für eine kurze Zeit auch wieder “Frau” und nicht nur “betroffene Mutter” sein zu können; um Gespräche zu führen, in denen man nicht jedes Wort abwägen muß. Umso weniger verstehe ich im Fall des Café Niesen die Aufregung der Politiker. Als eine der Ersten meldete sich die FDP zu Wort mit Begriffen wie “familien-feindlich” und “diese Ausgrenzung ist zum Kotzen“. Bei genau dieser Partei, die seit Regierungswechsel den Gesundheitsminister stellt, versuche ich seit November letzten Jahres gemeinsam mit anderen Verbänden Gehör für kranke Kinder zu finden - leider vergebens. Niemand von uns war dem FDP-Gesundheitsminister und seinen höheren und hohen Mitarbeitern (auch aus der CDU) eine substantielle Antwort wert. Dabei hab ich noch nicht einmal solch krasse Worte verwendet wie: “Die Gesundheitspolitik ist bis dato familien-feindlich”. Unsere Äußerungen bewegten sich immer auf der Sachebene. Hab ich da etwas falsch gemacht? Werden Kinder und deren Problemsituationen von der Politik nur wahrgenommen, wenn es um Schlagzeilen geht?
Übrigens: War einer dieser Politiker, die sich ebenso rasch wie heftig echauffierten, (Stamm)Gast im Café Niesen? Natürlich nicht:-)